Donnerstag, 22. April 2010
Konzerttipps: Benedikt Jahnel und Johanna Zeul
Ob sich Johanna Zeul und Benedikt Jahnel verstehen würden, wenn sie sich träfen? Wohl kaum: Während es über die exzentrische Liedermacherin heißt, sie schlafe „mit den Fingern in der Steckdose“, ist über den hochbegabten Jazz-Pianisten bekannt, dass er sich akademisch mit Wahrscheinlichkeitsrechnung beschäftigt. So viel steht in jedem Fall fest: Die Konzerte der beiden gegensätzlichen Künstler in Aachen werden mit Spannung erwartet.
„Keine Frage, Johanna Zeul hat einen Knall“, schrieb die Süddeutsche Zeitung einmal über die 1981 geborene Wahl-Berlinerin. Wer die junge Frau einmal auf der Bühne erlebt hat, wird das vermutlich bestätigen: So exzentrisch, laut, ehrlich – und ja: irgendwie verrückt - war seit der Neuen Deutschen Welle kaum eine Sängerin in unseren Breiten. Wie ein Derwisch springt Johanna Zeul mit ihrer Gitarre auf der Bühne herum, jauchzt und schreit, zieht Grimassen – und hat offenbar enorm großen Spaß dabei.
Peinlich und kindisch mögen das manche finden. Entwaffnend, ansteckend und berührend andere: Als „hinreißend spontan“ etwa lobt die Frankfurter Allgemeine die Sängerin und der Fernsehsender Arte widmete ihr einen eigenen Beitrag. Zeuls Debüt-Album „Nummer 1“ aus dem Jahr 2007 erntete ebenfalls erstklassige Kritiken.
Was die Begeisterung für Johanna Zeul ausmacht, ist dabei weniger ihre Musik. Ihre Kompositionen rufen zwar zuweilen NDW-Legenden wie Ideal oder Rio Reiser in Erinnerung, sind aber weder virtuos gespielt noch besonders unorthodox. Viel mehr ist es der Mensch Johanna Zeul selbst, den sie mit ungefilterter Authentizität und emotionaler Wucht auf ihr Publikum loslässt. Diese Frau hat nichts zu verbergen, viel zu sagen und möglichst alle sollen es sehen und hören. Um das vermitteln zu können, ließ Zeul sogar einen Major Deal sausen und gründete ihr eigenes Label „Gold und Tier“, auf dem sie demnächst ihr zweites Album veröffentlichen wird. In das Vermarktungsschema der Plattenindustrie würde sie wohl auch gar nicht passen.
Vielleicht ist Johanna Zeul deswegen so einzigartig und faszinierend, weil sie quasi der Gegenentwurf zu allem Künstlichen in ihrer Branche ist, zu Superstar-Castings, falschem Pathos und austauschbaren Songtexten.
Derzeit ist die Musikerin, die bezeichnenderweise einmal den Rio Reiser Songpreis gewann, mit ihrer kleinen Band auf Tour. Am Freitag macht sie Station in der kleinen Raststätte in der Lothringerstraße. Wer sie erleben will, sollte wohl deutlich vor 20 Uhr da sein.
Das Kontrastprogramm dazu gibt’s am Sonntagabend um 20.30 Uhr im Dumont: Zu Gast sein wird der junge Jazz-Pianist und Komponist Benedikt Jahnel. Dass der neben seinem Musikerdasein auch noch Mathematik studiert und sich dabei bevorzugt mit Wahrscheinlichkeitsrechnung auseinandersetzt, wäre nur eine Fußnote wert – würde sich dieser Umstand nicht in Jahnels Kompositionen widerspiegeln.
Dabei klingt Jahnels Musik keineswegs verkopft. Der Pianist, hiesigen Jazzfans vielleicht durch seine Gastspiele mit der Combo max.bab bekannt, gehört nicht zu den zwanghaften Innovatoren, die die abendländische Harmonik zum Teufel jagen wollen. Eher das Gegenteil ist der Fall: Gerade weil Jahnel seine Kompositionen teilweise mathematisch zu strukturieren scheint, werden diese letztlich zugänglicher.
Es ist der Gegensatz aus Rationalität und Sinnlichkeit, der die Faszination von Jahnels Musik ausmacht: Einerseits ist eine präzise Klangarchitektur hörbar, sind Stücke völlig klar und durchdacht strukturiert; andererseits ist immer auch das vorhanden, was im Deutschlandfunk als „Klangmalerei“ beschrieben wurde: Traumhafte Passagen, gefühlvoll und manchmal melancholisch, swingende Leichtigkeit, offenkundige Lust am Improvisieren. Trotz des mathematischen Unterbaus scheint diese Musik zu fließen und offene Räume zu suchen.
Ins Dumont kommt Jahnel in Trio-Formation: Der Spanier Antonio Miguel am Kontrabass und der kanadische Schlagzeuger Owen Howard sind dabei mehr als nur Stichwortgeber. Gemeinsam mit den gefragten Musikern der New Yorker Jazzszene nahm Jahnel auch das Album „Modular Concepts Songbook“ (2008) auf, das nicht nur in der Jazzszene hervorragende Kritiken und viele Anhänger gefunden hat.
Das Konzert des Benedikt Jahnel Trios im Dumont beginnt am kommenden Sonntag um 20.30 Uhr.
Donnerstag, 8. April 2010
Konzerttipps: Jethro Tull, Kitty Solaris und Bernhard Eder
Mit Klassikern wie „Locomotive Breath“, „Aqualung“ und „Living in the past“ haben Jethro Tull in den Siebzigerjahren Musikgeschichte geschrieben. Am Samstag kommt die legendäre Combo um Frontmann Ian Anderson ins Eurogress.
Der Sound von Jethro Tull ist seit ihrer Gründung im Jahre 1968 untrennbar mit Ian Andersons Flötenspiel verbunden. Wie es dazu kam, erzählte der Frontmann vor kurzem im Interview mit unserer Zeitung: „Als ich mein Elternhaus verließ, brauchte ich ein Instrument, das ich in den paar Tüten verstauen konnte, die ich mitnahm. Eine Gitarre hätte den Rahmen gesprengt. Die Flöte war aber auch ungewöhnlich genug im Rockkontext, um damit Gehör zu finden.“
Der Rest ist Musikgeschichte, könnte man ergänzen: Jethro Tull fanden ziemlich bald Gehör, bereits ihr zweites Album „Stand up“ schoss 1969 an die Spitze der britischen Charts. 1971 gelang ihnen der weltweite Durchbruch mit der Single „Locomotive Breath“ und dem Album „Aqualung“. Andersons rockiges Flötenspiel war das Markenzeichen von Jethro Tull geworden. Ihre Alben „Thick As A Brick“ und „A Passion Play“ waren in den Siebzigerjahren nicht nur Verkaufserfolge, sie sind auch herausragende Beispiele gelungener progressiver Rockmusik. Es folgten Millionen verkaufte Platten und bis heute rund 3500 Konzerte rund um den Erdball.
Ihr letztes Studio-Album veröffentlichten die Briten 1999. Seitdem sind sie beinahe permanent auf Tour. Und das sicher nicht aus finanziellen Motiven, steht Anderson doch als Plattenmillionär und erfolgreicher Geschäftsmann bestens da. Sein Alter führe ihm die „Endlichkeit der Zeit vor Augen“, sagte der Sänger im Interview, „die mir noch bleibt, um Musik machen zu können.“
Und tatsächlich: Der gebürtige Schotte gehört zu den letzten noch lebenden Protagonisten der goldenen Ära der Rockmusik. Bedenkt man, dass Jethro Tulls erste Erfolge mehr als 40 Jahre zurück liegen und wie viele ihrer Weggefährten in der Zwischenzeit das Zeitliche gesegnet haben, wird erst klar, was für ein Glücksfall es ist, dass Ian Anderson immer noch nicht müde ist, die alten Hits zum Besten zu geben.
Wer die lebenden Legenden – neben dem Sänger ist auch noch Gitarrist Martin Barre aus der Anfangszeit dabei – noch einmal live erleben möchte, kann das am kommenden Samstag um 20 Uhr im Eurogress tun. Jethro Tull versprechen nicht weniger als ihre „Greatest Hits“, eine Auswahl ihrer besten Songs.
Bedürfte es noch eines Belegs, dass die Sechziger- und Siebzigerjahre in der populären Musik bis heute nachwirken – man bekäme ihn am gleichen Abend: In der Raststätte gastieren nämlich mit Kitty Solaris und Bernhard Eder zwei Künstler, die sich mehr oder weniger direkt auf diese Epoche berufen und dabei ebenso schöne wie interessante neue Musik schaffen.
Die junge Berlinerin Kitty Solaris ist laut eigener Aussage „auf den Spuren ihrer Favoriten Velvet Underground, Patti Smith und Cat Power“ unterwegs – und das hört man. Nur mit ihrer Gitarre als Untermalung ruft sie die zarte Melancholie ins Gedächtnis, den zuckersüßen Schwermut, der schon ihre Vorbilder auszeichnete. Ihre meist eher schlicht gehaltenen Stücke leben von einer bewegenden, raumfüllenden Intimität, der sich wohl kaum jemand entziehen kann.
Bernhard Eder, gebürtiger Oberösterreicher und seit einigen Jahren ebenfalls Wahl-Berliner, ist ein vielversprechender Singer-Songwriter, der kompositorisch in der Tradition von Größen wie Nick Drake, George Harrison und Elliott Smith steht. Anders als seine Labelkollegin, mit der er derzeit auf Tour ist, lässt Eder seine leisen, betörend melodiösen und melancholischen Kleinode jedoch zuweilen von einem Akkordeon, einer Geige oder anderem Beiwerk umschweben.
Wer die beiden Musiker live erleben möchte, sollte sich am Samstag um 20 Uhr zur Raststätte aufmachen.
Donnerstag, 1. April 2010
Konzerttipps: The Blue Van, Jane Walton, Montreal, Mofa und Bernd Begemann
Wer die Feiertage für einen Kurzurlaub im Süden oder einen Besuch bei den lieben Verwandten nutzt, bekommt vielleicht schönes Wetter oder leckeren Kuchen – die bessere Musik jedoch gibt’s wie so oft in der Heimat: Gleich vier Konzerte stehen auf dem Programm, für die sich eine kurzfristige Planänderung lohnen würde.
Aus dem Land nördlich von Flensburg kommen The Blue Van, die wie so viele skandinavische Combos ganz ordentliche Ohrwürmer in petto haben. Die verpacken sie in einen Retro-Rocksound, der stark an die Siebziger erinnert. Damit sind sie den schwedischen Kollegen von Mando Diao und The Hives nicht ganz unähnlich, jedoch weniger süffig als Erstgenannte und weniger punkig als Letztere. Stattdessen setzen The Blue Van mehr auf einen vergleichsweise trockenen, authentischen Sound und erinnern tatsächlich mehr an T. Rex oder Led Zeppelin als an irgendeine zeitgenössische Truppe.
Ach ja, recht erfolgreich sind die vier Zimmermann-, Trucker- und Bauernsöhne aus Dänemark mit ihrer Retro-Rockshow übrigens auch. Die 2003 gegründete Band kann nicht nur auf zahllose Konzerte rund um den Erdball und drei Alben verweisen, auch im Fernsehen kann man sie zuweilen hören: Ihre Lieder wurden in Serien wie „Beverly Hills 90210“, „CSI NY“ und „Scrubs“ eingesetzt. The Blue Van gastieren heute Abend um 20 Uhr im Musikbunker.
Berlin ist das New York Deutschlands: Hier legen sie an, die Suchenden aller Länder, die auf eine neue Welt hoffen – und sie sich dann dort einfach selber schaffen. Deswegen kann sich eine Band wie Jane Walton auch nur in der Hauptstadt gründen: „Der Haufen Freaks“, als den sie sich selbst bezeichnen, rekrutiert sich aus zwei Schweizern, einer Deutsch-Polin, einem Halbindianer aus dem Allgäu, einem Amerikaner und einem Deutschen und kredenzt – man lese und staune – einen Multikult-Mix namens „Speedrumpelpolkacountrytrashcircusmusique“.
Man ahnt es schon, Techno-Fans und Jazz-Mathematiker dürften damit nicht glücklich werden. Wer jedoch Freude an einer gnadenlos unvirtuosen Stilmelange mit Party-Garantie hat, wird bei Jane Walton voraussichtlich lustvoll das Tanzbein schwingen. Schon um herauszufinden, welch tragikomisches Schicksal die Namensgeberin, eine gefragte Schauspielerin der Fünfzigerjahre, ereilt hat, lohnt sich der Weg in den Malteserkeller, wo die bunte Truppe am Ostersonntag Station macht.
Zur gleichen Zeit spielen zwei schwer angesagte Newcomer-Bands im Jakobshof auf, die im Musikfernsehen zurzeit rauf und runter gesendet werden. Sowohl Montreal als auch Mofa haben zwar das Pop-Punk-Rad, an dem sie drehen, nicht neu erfunden. Aber weil sie mit ihren deutschen Texten offenbar den Nerv der Zeit treffen, gehen die Combos karrieremäßig ziemlich steil.
Dabei haben die beiden Hamburger Bands durchaus unterschiedliche Werdegänge hinter sich: Montreal aus Hamburg haben jahrelang Fleißkärtchen gesammelt, seit ihrer Gründung Hunderte Konzerte absolviert, oft vor namhaften Bands wie Bloodhound Gang, Samiam oder Ignite. Mofa hingegen hatten vor zwei Jahren die (geniale) Idee, ausschließlich in albernen Tennisklamotten aufzutreten. Zusammen mit ihrem formidablen Hit „Tiger“ besorgte ihnen dieser Spleen umgehend Kultstatus – und nun schauen sie sich die MTV-Rockcharts von oben an.
Wer Spaß an geradlinigem, melodischen Pop-Punk mit deutschen Texten und Charts-Siegel hat, kann beide Bands am Ostersonntag im Jakobshof erleben.
Bleibt noch „der Bernd“, wie seine Fans ihn am liebsten nennen. „Der elektrische Liedermacher“ Bernd Begemann ist jemand, den man entweder liebt oder hasst. Seine Fans lieben den gebürtigen Ostwestfalen, weil er ebenso intelligent wie empathisch von Dingen singt, die viele sich nur zu fühlen trauen. Seine Gegner hassen ihn, weil er dabei manchmal klingt, als hätte Jürgen Drews zu viel Haschisch geraucht und anschließend ein Glas Kirschmarmelade hinterher gekippt.
Unumstritten hingegen sind Bernd Begemanns Verdienste um die deutschsprachige Popmusik: Bereits seit Mitte der Achtziger beweist der selbsternannte „Frauenversteher“, das gefühlige deutschsprachige Texte mit Witz und Charme versehen nicht zwingend ein Fall für die ZDF-Hitparade sind. Lob verdient auch der Titel seines jüngsten Albums „Ich erkläre diese Krise für beendet“. Gemeinsam mit seiner Band Die Befreiung bringt Begemann am kommenden Mittwoch obendrein auch noch ein „musikalisches Konjunkturpaket“ mit in den Jakobshof, auf das man durchaus gespannt sein kann.
Donnerstag, 25. März 2010
Aachen Szene: Fleur Earth und No More
Deutschsprachiger Soul und Post-Punk-Electronica-Kraut-Glam: Die Konzerttipps für die nächsten Tage könnten wohl kaum gegensätzlicher sein - und kaum spannender.
Denkt man an Soul mit deutschen Texten und einer Prise HipHop, hat man schnell einen fromm erscheinenden, pathetisch schmachtenden Barden aus Mannheim vor Augen. Mit dem hat die Sängerin Fleur Earth jedoch herzlich wenig am Hut: "Vergiss Xavier Naidoos Bibelstunde", sagt sie. Stattdessen nennt sie ihr Album "Es entstehen Wesen" und stellt die Liebe nicht als gottgegebenes Wunder, sondern als omnipräsente Tatsache dar.
Dass der Vergleich mit Naidoo überhaupt herhalten muss, liegt schlicht daran, dass die Mittel, derer sich Fleur Earth bedient, ähnlich zu sein scheinen. Die in der ehemaligen DDR geborene, im Kongo aufgewachsene und heute in Köln beheimatete Sängerin nimmt Einflüsse aus Soul, Jazz, HipHop und Reggae, um darüber mit einer ungemein souligen Stimme ihre Geschichten zu erzählen. Das klangliche Ergebnis, zu dem ihre hervorragende Band (Fleur Earth Experiment) beiträgt, klingt ebenso nostalgisch wie modern, erinnert mal an Erykah Badu oder Madlib, mal an Billie Holiday.
Nun sind deutsche Texte oft so eine Sache. Dass Fleur Earth sich nicht in Predigten, Plattitüden oder Banalitäten verliert, muss man ihr hoch anrechnen. "Skurreal" nannte sie ein Mini-Album, das 2008 erschien -- und diese Bezeichnung trifft es wohl: Viele ihrer Texte erscheinen kryptisch und verschlossen und sollen es wohl auch sein. Sie ziehe ihre Texte aus den Tiefen ihres Herzens, sagt Fleur Earth, "sie erzählen von Schmerz und Freude. Alles wird verarbeitet und verschlüsselt."
Im Rheinland erfreut sich die Combo seit gut zwei Jahren einer wachsenden Fangemeinde, von einer "Neuen Kölner Schule" ist gar die Rede. Ob sich auch die Aachener für Fleur Earth erwärmen können, wird sich am Freitagabend um 21 Uhr im Malteserkeller zeigen (siehe Termine).
Nicht ganz so lange warten müssen diejenigen, die Lust auf "Post-Punk-Electronica-Kraut-Glam" haben -- dargebracht von einer Truppe, deren Hit "Suicide Commando" bereits seit 1981 in Elektro-, Dark Wave-, Techno- und Indiekreisen gleichermaßen rotiert. Bei so vielen Subkulturen verlieren Sie den Überblick? Keine Sorge -- vermutlich ist das genau das Ziel von No More.
Rückblick: 1979 gründet sich die Band um Andy A. Schwarz und Tina Sanudakura in Kiel und wird bald Teil der einheimischen Post-Punk und No Wave-Szene. Der Durchbruch gelingt ihnen zwei Jahre später mit besagtem Gassenhauer, der der deutschen Elektroszene international Tür und Tor öffnet -- und tatsächlich Genre übergreifend abgefeiert wird. Weitere Großtaten bleiben aus und 1986 lösen sich No More schließlich auf.
Wenn sich eine Band mit nur einem ordentlichen Hit über 20 Jahre nach ihrem vermeintlichen Ende wieder zusammen tut, ist freilich eine gewisse Skepsis angebracht. Doch No More kehrten 2008 nicht zurück, um ihre Rentenkasse aufzubessern. Auf ihrem gerade erschienenen Album "Midnight People & Lo-Life Stars" erfinden sich Schwarz und Sanudakura als Duo vollkommen neu. Zwar sind zuweilen noch Achtziger-Stilmittel in Form von dominanten Synthesizern oder artifiziellen Beats zu hören, aber abgesehen davon spannt die Band einen ebenso weiten wie eigensinnigen Bogen.
Man könnte sagen, ihre Mischung aus beinahe allen möglichen Genres ist bei aller Zeitlosigkeit fast wieder ungewollt modern. Und das liegt nicht nur am nicht enden wollenden 80er-Revival, im Zuge dessen junge Leute mittlerweile die Elektro-Wurzeln jenes Jahrzehnts wiederentdecken. Dem Duo scheint es im reiferen Alter gelungen zu sein, ihr einst in alle Richtungen schießendes Potenzial endlich unter einen (Album-) Hut zu bekommen. Und das Ergebnis ist mit "Post-Punk-Electronica-Kraut-Glam" wohl nur ansatzweise erfasst, hört sich aber umso interessanter an.
Wer sich noch immer nicht vorstellen kann, was ihn bei No More erwartet, der muss es sich wohl selbst anhören. Zum Beispiel heute Abend um 20.30 Uhr im Dumont, Zollernstraße.
Donnerstag, 18. März 2010
Ina Deter und die neuen Männer
Sie hat der Frauenbewegung die Parolen geliefert: Mit Hits wie „Neue Männer braucht das Land“ war Ina Deter der Männerschreck der Achtziger. Am Freitag kann man die mittlerweile hoffentlich etwas versöhnlichere Sängerin im Franz erleben.
„Frauen kommen langsam – aber gewaltig“, sang Ina Deter 1986 und sagte der Machowelt damit den Kampf an. „Neue Männer“ forderte sie – und mit ihr eine ganze Generation aufbegehrender Frauen, die vom Heimchendasein endgültig genug hatten. In der Rolle der Stichwortgeberin für die Frauenbewegung hat sich Ina Deter auf diese Weise in der westdeutschen Geschichte verewigt.
Am Anfang des neuen Jahrtausends gelang der Sängerin, die seinerzeit in Vetschau lebte, dann ein weiterer Achtungserfolg: Ihre Interpretationen von Piaf-Stücken mit eigenen deutschen Texten wurden nicht nur im Feuilleton begeistert gefeiert. Eine Zeitlang brillierte sie in der Rolle der gereiften Femme Fatale - bevor sie vor einigen Jahren beinahe selbst einer schweren Krankheit erlag. „Ein Wunder muss noch geschehen“, hatte Ina Deter bereits 1984 gesungen – und, als hätte sie es geahnt, widerfuhr ihr nun eines.
2008 veröffentlichte sie schließlich ihr jüngstes Album mit dem Titel „Ein Wunder“, auf dem sie elf ihrer größten Hits noch einmal neu aufnahm, ergänzt durch drei unveröffentlichte Nummern. Weniger agitatorisch, weniger laut ist sie nun (ihre Stücke spielt sie nun bevorzugt im Unplugged-Sound), doch im Kern ist sich Ina Deter bis heute treu geblieben: Einige Parolen aus den Achtzigern werden ihre Fans wohl auch bei ihrem Konzert im Franz wieder hören.
Aber vielleicht ist sie mit über 60 etwas milder gestimmt: Immerhin hat die Deter selbst zwei „neue Männer“ gefunden, denen sie über die Jahrzehnte hinweg treu geblieben ist: Mit ihren musikalischen Weggefährten Micki Meuser (Bass) und Manni Hollaender (Gitarre) teilt sie schließlich schon seit gut 30 Jahren die Bühne.
Indie-Pop aus Schweden
Sollte Frau Deter am Samstag noch in Aachen weilen, kann sie sich im Musikbunker vier „neue Männer“ anschauen, die ihr gefallen dürften: Die Schweden von Nervous Nellie, seit 2002 ein Team, machen nicht nur ausgesprochen emotionale Musik. Über sie heißt es auch: „Sie lassen uns lachen und weinen, ohne dass es peinlich wäre.“
Nein, mit Heulbojen hat man hat es hier sicher nicht zu tun. Viel mehr hat die Musik von Nervous Nellie ihren Ursprung in den Siebzigerjahren, als den Leuten rückblickend überhaupt sehr wenig peinlich zu sein schien. Den Stil der Schweden könnte man etwa so beschreiben: Hier geben sich David Bowie und George Harrison die Hand, beide nur mit Akustikgitarren und Harmonikas im Gepäck, und heuern eine junge Hippie-Band von der Westküste an – auf dass frische, verspielte Rockmusik mit ordentlich Folk-Einschlag entstehen möge.
Nervous Nellie wären keine Schweden, wenn sie nicht auch noch hartnäckige Ohrwürmer in petto hätten. Die klingen zwar hier und da wie schon mal gehört, werden aber mit so viel Verve dargebracht, dass man ein Holzklotz sein müsste, um nicht spätestens beim zweiten Refrain mitzusummen.
Jetzt hat sich das Quartett auf Tour begeben, im Gepäck ihr erst vor wenigen Tagen veröffentlichtes neues Album „Why dawn is called mourning“. Wer mit ihnen gemeinsam lachen und weinen möchte, sollte in den Keller des Musikbunkers kommen.
Donnerstag, 11. März 2010
Aachen Szene: Gero Körner und xrFarflight
In der Musik ist etwas möglich, von dem Menschen schon immer geträumt haben: Man kann sich mit ihr auf Zeitreisen begeben. Genau dazu laden der einheimische Jazzer Gero Körner und das Hamburger Duo xrFarflight mit ihren bevorstehenden Konzerten ein - und wählen dabei recht unterschiedliche Reiseziele.
Cluburlaub oder Rundreise? Diese Frage sollte am Anfang jeder Zeitreise stehen. Für Gero Körner war das Ziel - zumindest im Falle seines neuen Albums "Truth" - von Anfang klar: In die Sechziger und frühen Siebziger zog es ihn. Auch einen Ort hatte er fest im Blick: Nach Memphis wollte er, in die Heimat von Booker T. & The MGs, die den Soul Jazz mit frischer Leichtigkeit und ungeheurem Groove erst richtig populär machten. Und die fast nebenbei auch als Studio-Band von Otis Redding, Wilson Pickett und Isaac Hayes Musikgeschichte schrieben.
Eine Hommage an jene goldene Epoche des Memphis Soul ist "Truth" geworden. Das trifft nicht nur für die beschwingten Kompositionen zu, die so stilecht sind, dass sie die Jahrzehnte überdauert haben könnten, auch die Produktion des Albums erspart sich modernen Schnickschnack, klingt authentisch nach einer Zeit, in der Synthesizer und digitale Aufnahmetechnik noch Zukunftsmusik waren.
Neben der illustren Band um den 33-jährigen Monschauer Hammond-, Rhodes- und Keyboardvirtuosen bürgt dafür die amerikanische Soul-Diva Soleil Niklasson, deren sexy Timbre mal energisch, mal schwelgend an Größen wie Gladys Knight oder Shirley Bassey erinnert.
Maestro Körner, ansonsten gleichermaßen in Jazz-, Klassik- und Rockkreisen zu Hause und euregionalen Hörern nicht erst seit seinem Einstieg bei den Krautrock-Legenden von Ruphus Zuphall ein Begriff, setzt hier also einmal ganz auf Cluburlaub: Wer mitreisen möchte, wird am Samstag, 13. März, um 20 Uhr im Jakobshof (Stromgasse) abgeholt.
"Kontinente und Jahrzehnte zu benennen, in denen xrFarflight's Musik zielgenau zu verorten wäre, ist glücklicherweise weder nötig noch möglich", sagen Daniel Gädicke und Karsten Genz über ihre Reiseroute. Man sollte sich die Musik des Hamburger Duos vielleicht eher wie eine kleine Weltreise vorstellen: Allerdings weniger im komfortablen Jumbo-Jet als viel mehr im gemütlichen VW Bulli. Hier machen die beiden Reiseführer noch alles selbst: Gädicke und Karsten Genz laden zu einer gemütlichen Individualtour, die in den psychedelischen Sechzigern, bei Pink Floyd und Soft Machine beginnt und dann kreuz und quer durch die Musikgeschichte zickzackt, um schließlich bei aktuellen Indie-Helden wie Elliott Smith oder Motorpsycho anzukommen.
Dabei bezeichnet sich das Hamburger Duo als das "kleinste Quintett der Welt": In der Tat ist es zuweilen rätselhaft, wie die zwei jungen Herren mit der üblichen Zahl an Gliedmaßen gleichzeitig Schlagzeug, Gitarre, Orgel, Basspedal, E-Piano und manch anderes bedienen und dabei auch noch beide singen. Das Resultat - sie selbst nennen es "Miniaturrock" - ist jedenfalls sowohl akustisch als auch optisch überaus faszinierend. Hier werden dem Hörer nicht immer virtuos, aber mit viel Leidenschaft Kleinode der Musiklandschaft präsentiert: Zuckersüße Melodien treffen auf "verspielte Soundeskapaden", Schrammelgitarren auf lieblichen Chorgesang.
Und weil die Jungs so sympathische Indie-Jungs sind, kann man sich auch noch ihr komplettes Album kostenlos auf ihrer Homepage www.xrfarflight.com herunterladen.
Wer also Lust auf eine musikalische Rundreise mit viel Spielraum für Kursänderungen hat, sollte am Freitag, 12. März, um 20 Uhr in der Raststätte, Lothringerstraße, auf xrFarflight warten.
Donnerstag, 4. März 2010
Botanica: Liebe, Wahnsinn und andere Ausnahmezustände
Beim Namen Botanica drängt sich manchen erstmal der Gedanke an Grünzeug auf. Ob das bei der Namensfindung der gleichnamigen Band aus Los Angeles eine Rolle gespielt hat, ist nicht bekannt. Sicher ist aber, dass die Truppe um Sänger und Keyboarder Paul Wallfisch musikalisch zum spannendsten gehört, was auf Aachens Bühnen in nächster Zeit zu hören ist.
Die 1999 in Los Angeles gegründete Combo bringt Einflüsse unter einen Hut, die beim ersten Hören bunt zusammengewürfelt erscheinen: Geradlinige Rocksongs wechseln sich mit verschrobenen Blues-Oden im Stile von Tom Waits ab. Auf melancholische Balladen folgen Stücke im Mississippi Delta-Stil. Dann wieder ist pure Psychedelik angesagt – und das ist längst nicht alles.
Als „grobkörnigen, verqualmten, Brecht-artigen Bohemian Rock“ hat das Intro-Magazin die Stücke des Albums „Berlin Hi-Fi“ (2006) bezeichnet. Ein nicht ganz unpassendes Etikett, betont es doch das, was Botanica am ehesten ausmacht: Die Band schafft mit ihren zuweilen altmodisch anmutenden Stilelementen und der ausdrucksstarken Stimme Paul Wallfischs eine einzigartige, geradezu bedeutungsschwangere Atmosphäre, die trotz einer gewissen Theatralik nie ins Schwermütige abgleitet.
Vergleiche mit Tom Waits oder auch Nick Cave mögen bei einigen Stücken angebracht sein. Auch textlich – bei Botanica dreht sich alles um „Liebe, Wahnsinn und andere Ausnahmezustände“ – schlagen Botanica in eine ähnliche Kerbe. Doch während die berühmten Kollegen stilistisch relativ festgelegt sind, sucht und findet Bandleader Wallfisch sein Heil in der Vielfalt. Der Sohn rumänischer Juden, die vor den Nazis in die USA flüchteten, kennt keine Grenzen - schließlich habe die Realität ja auch keine, wie er einmal in einem Radio-Interview kundtat. Und so mischen Botanica die unterschiedlichsten, nur scheinbar widersprüchlichen Spielarten, um ihren völlig eigenen Stil zu kreieren.
Im Februar veröffentlichten Botanica ihr sechstes Album „Who you are“. Produziert wurde es übrigens in New York und Aachen, der Heimat ihres langjährigen Labels „rent a dog“ und ihres Co-Produzenten Ulli Rattay. Das Werk klingt wie aus einem Guss, bringt ihre ganze Ambivalenz auf den Punkt. „Love“ hatte der Arbeitstitel gelautet – und er hätte wohl auch gepasst: Bei allen stilistischen Gegensätzen wohnt dem Album eine unvergleichlich tiefe, warme Stimmung inne.
Für ihre aktuelle Tour konnten Botanica Brian Viglione von den Dresden Dolls als Schlagzeuger gewinnen. An der Gitarre ist John Andrews (Nena, Peter Murphy) mit von der Partie. Die namhaften Verstärkungen ergänzen die Band, die ansonsten aktuell aus Wallfisch und Bassist Jason Binnick besteht, auf dem jüngsten Album jedoch auch mit Größen wie Anne de Wolff (Streicher) und Martin Wenk (Trompete) zusammen arbeitete.
Live werden Botanica „furiose Shows“ bescheinigt. Bleibt zu hoffen, dass dies auch auf ihr Gastspiel im Musikbunker, Rehmannstraße, am kommenden Mittwoch, 10. März, ab 20 Uhr zutrifft. Wer Lust auf unorthodoxe, stimmungsvolle Musik und ein ganz sicher nicht alltägliches Konzert hat, dürfte jedenfalls auf seine Kosten kommen.
Sonntag, 21. Juni 2009
Eine Pastorentochter, die bekennt, ein Mädchen geküsst zu haben, mag in den USA für ein Skandälchen genügen. Hierzulande geht so was auch im Kinderprogramm: Jedenfalls wimmelte es beim Konzert von "Sünderin" Katy Perry im Palladium von 11-jährigen Mädchen und deren Eltern. Die konnten beruhigt feststellen: Es gibt definitiv Schlimmeres.
Allerdings mussten die Erziehungsberechtigten einige Geduld beweisen: Schon am späten Nachmittag formierten sich lange Schlangen am Eingang des Palladiums -- schließlich wollte der Nachwuchs die vordersten Plätze ergattern. Dann galt es auch noch, mit The Asteroids Galaxy Tour und Ladyhawke ein üppiges Vorprogramm hinter sich zu bringen.
Als Katy Perry endlich die Bühne betritt, ist es schon zehn Uhr durch. Zu den Klängen von "California Girls" von den Beach Boys marschiert die 24-Jährige ein, nur mit einem Bikini im Fünfzigerjahre-Stil bekleidet. Die Eltern sind beruhigt: Keine Reizwäsche, kein Lack-und-Leder, in jeder "Bravo"-Ausgabe geht es ungezügelter zu. Entwarnung auch bei der Bühnendekoration: Hinter der Sängerin blinkt ein riesiges rotes Herz auf, das manche an die "Glücksbärchis" denken lässt.
Unter dem Jubel ihrer rund 2.500 Fans aller Altersklassen legt Perry mit "Fingerprints" los, das überraschend punkig daher kommt. Und wer es vorher nur ahnte, erfährt es jetzt: Die Dame kann wirklich gut singen, von der Pink'schen Rockröhre bis hin zu gehauchten Schmachtfetzen beherrscht sie alle Register. Höhepunkte ihres rund 80-minütigen Programms sind natürlich die beiden Disco-Charthits "Hot N Cold" und "I kissed a girl". Letzteres gibt Perry in gefeierter Überlänge als Zugabe.
Zwischen den Stücken allerdings sorgt die Kalifornierin für Ratlosigkeit: Ist das die Frau von Popeye? Mit einem völlig überkandidelten Tonfall quatscht Perry über das Wetter und inszeniert sich als lebendiges Barbie-Püppchen aus den Fünfzigern. Sei's drum. Musikalisch boten Perry und ihre hervorragend eingespielte Band zwar überhaupt nichts Neues, aber das auf solidem Niveau. Vor Kolleginnen wie Pink, Avril Lavigne oder auch Britney Spears braucht sie sich nicht zu verstecken. Es sei denn, sie hat ein Problem mit Plagiatsvorwürfen.
Mittwoch, 17. Juni 2009
Keane als ehrliche Rocker
Tom Chaplin kann sein Glück kaum fassen. Der schlaksige Sänger von Keane strahlt über beide Backen und genießt den Jubel seiner 1500 Fans im E-Werk. "Ich glaube, es herrscht heute Abend eine ganz besondere Energie in diesem Saal", konstatiert er schließlich. Diese Energie hatten sich Chaplin und seine Bandkollegen allerdings auch hart erarbeitet.
Was der Rahmen doch ausmachen kann: Bei ihrem Gastspiel im Palladium im letzten Herbst hatten sich Keane noch überdimensional inszenieren können, ließen hinter sich farbenfrohe Videos abspielen und sorgten mit völlig überhalltem Sound für ordentlich Pathos.
Nichts davon am Dienstag im kleineren E-Werk gegenüber: Die vergleichsweise schlichte Bühnenausstattung -- keine Videos, nur das Cover ihres aktuellen Albums "Perfect Symmetry" im Hintergrund -- und der glasklare, authentische Sound zwangen die vier Briten, mit dem Wesentlichen zu überzeugen: Ihrer Musik.
Keine leichte Aufgabe für eine Band, die 2004 mit schwelgerischem Piano-Rock startete, seitdem zunehmend in Richtung "New Romantic" driftet und das Ganze gerne stilecht mit Stadionhall und großen Gesten ausstaffiert. Das Pathos mussten sich Chaplin und Kollegen diesmal -- ganz im Stile ehrlicher Rocker -- hart erarbeiten.
Dabei setzten Keane zu Anfang auf eine Art Wunschkonzert: Die Hits "Everybody's changing", "Bend and break" und "This is the last time" gehören zu den ersten Titeln des Abends und reißen das Publikum bereits nach 20 Minuten zu wahren Jubelstürmen hin. Chaplin schwärmt vom imposanten Dom und den Kölnern sowieso und sichert sich damit Bonus-Sympathien. Er turnt noch sportlicher als sonst über die Bühne, während Gast-Keyboarder Jesse Quinn in die Tasten drischt, als spiele er in einer Hardrock-Band.
Solch leidenschaftlicher Einsatz kann allerdings kaum verdecken, dass die neueren Stücke der Band -- etwa "You haven't told me anything" - im schlichten Clubkonzert-Kontext nicht recht zünden wollen. Die Synthie-Orgien mit den wenig prägnanten Refrains ernten meist nur wohlwollenden Applaus. Stattdessen funktioniert auf einmal die für Keane völlig untypische und ergreifend schlichte Gitarrenballade "Playing along", die Chaplin solo darbringt.
Kein Wunder also, dass es größtenteils Titel ihres ersten Albums "Hopes and Fears" (2004) sind, die für echte Begeisterung sorgen: Die Piano-Nummern "My Shadow" und "Bedshaped" als Zugaben runden den Abend nach rund 90 Minuten ab. Und während die Fans nach Kräften jubeln, schlawinert Tom Chaplin geradezu verlegen um seinen Mikroständer herum. Da müssten sie wohl "sehr bald wiederkommen", sagt er. Man darf gespannt sein, welche Version von Keane dann auf dem Programm steht.
Sonntag, 10. Mai 2009
Simpy Red in Köln: "Guten Abend Hamburg"
Wahre Simply Red-Fans sind hart im Nehmen. Mit "Guten Abend Hamburg" begrüßte Rotschopf Mick Hucknall die 15.000 in der Kölner Lanxess Arena - um sich kurz darauf und peinlich berührt für den Fauxpas zu entschuldigen. Dabei hatten Simply Red ohnehin genug hochkarätige Evergreens zu bieten, um letztlich im Guten mit ihren Fans auseinander zu gehen.
Simply Red beginnen den Abend mit der eher unspektakulären Soulpop-Nummer "It's only love", als Mick Hucknall die Bühne betritt. Dem ersten Jubel folgt rasch eine bittere Erkenntnis: Ganz schön alt sieht er aus, der Mann, dessen Markenzeichen noch immer die wallende, rote Lockenpracht ist. Auf der Videoleinwand werden versteinerte Gesichtszüge sichtbar. In seinem maßgeschneiderten blauen Anzug schleicht Hucknall über die Bühne wie Frank Sinatra mit 80. Dabei ist der Mann erst 48.
Ein paar Stücke später wähnt sich der Sänger in Hamburg. Es dauert einige Minuten, bis er seinen Irrtum bemerkt. Er sei am Nachmittag in der Innenstadt gewesen, von allen Seiten angerempelt worden und habe darüber wohl vergessen, wo er sei, entschuldigt er sich für die Peinlichkeit.
Dass die 15.000 Hucknall und seiner Band recht schnell verzeihen, liegt hauptsächlich daran, dass Simply Red auf ihrer Abschiedstour - die Band löst sich nach 25 Jahren endgültig auf - jede Menge "Greatest Hits" im Gepäck haben. Zum letzten Mal gibt es die ganzen Soul- und Pop-Evergreens der Engländer live - von "A New Flame" über "Thrill me" bis hin zum 1995er Dance-Hit "Fairground". Mit jedem dieser Stücke steigt die Stimmung im Innenraum und auf den vollbesetzten Rängen: Immer mehr erheben sich, beginnen zu tanzen, lassen sich vom dezenten Groove der Band anstecken. Noch einmal wird auch deutlich, dass Simply Red der Welt unsterbliche Soft Soul-Nummern hinterlassen: Bei "For Your Babies" und "Your Mirror" sind viele Fans sichtlich berührt.
Auch Mick Hucknall wird im Laufe des Abends wach: Das Jackett fliegt in die Ecke, hemdsärmelig beginnt er zu seinen eigenen Hits zu tanzen und lächelt milde. Das tut gut, denn ansonsten herrscht auf der Bühne kaum Leben. Alles klingt wie auf CD, bis auf die beiden Background-Sängerinnen wirken die Musiker seltsam unbeteiligt. Nach knapp zwei Stunden und zwei Zugabenblöcken verabschieden sie sich mit Hits wie "Something Got Me Started" und der bewegenden Ballade "Stars", bei der die Bühne in ein Sternenmeer getaucht wird.
So eindeutig Simply Red als Protagonisten der achtziger und neunziger Jahre in Erinnerung bleiben werden, so deutlich wurde am Samstagabend aber auch, dass ihre Zeit vorbei ist. Musikalisch sind Hucknall und Kollegen nie wirklich im neuen Jahrtausend angekommen. Es spricht für sie, dass sie das rechtzeitig erkannt haben und sich würdevoll von ihren Fans verabschieden.
Dienstag, 5. Mai 2009
Lily Allen hat abgenommen
"Sie hat abgenommen!" - ein junges Mädchen lässt ihrer Begeisterung freien Lauf, als der Vorhang fällt und Lily Allen im hautengen, blauen Kleidchen auf der Bühne erscheint. Glücklicherweise hatte die 24-jährige Engländerin im E-Werk etwas mehr zu bieten als nur das.
Sie habe Angst, dass sich ihr Ruhm weniger auf ihrer Musik als auf ihren von der Boulevardpresse dankbar kolportierten Skandälchen gründe, wurde Allen unlängst zitiert. Nach ihrem Gastspiel in Köln am Montagabend kann sie beruhigt sein: Zwar sorgte ihr Äußeres anscheinend für einigen Gesprächsstoff im Publikum; mit ihrer musikalischen Leistung konnten Allen und ihre gut aufgelegte Band jedoch durchaus nachlegen.
Zuckerbrot und Peitsche: So könnte man ein Konzert von Lily Allen wohl treffend umreißen: Charmant und mit mädchenhaft kecker Stimme trägt sie ihre honigsüßen Melodien vor, doch in ihren Texten rechnet sie gnadenlos und zuweilen gehässig mit allen ab, die ihr nicht in den Kram passen. So direkt, dass man froh sein sollte, nicht zu ihren Feinden zu gehören: Man könnte in ihrem nächsten Stück mit einem süffigen "Fuck you!" bedacht werden. Die gleichnamige Nummer war - aus 1500 Kehlen inbrünstig mitgesungen - wohl eine der Hymnen des Abends.
Nach den ersten Stücken hält die nunmehr zierliche Brünette ihr erstes Glas Champagner in der Hand, es soll nicht das letzte sein. Lily Allen hebt spontan das Rauchverbot im E-Werk auf und pafft eine nach der anderen. Lustvoll kichert sie sich durch den Abend und hat offenbar Spaß. Den gibt sie unmittelbar an ihr überwiegend junges, weibliches Publikum weiter, das vom ersten Stück an tanzt.
Musikalisch präsentiert sich Lily Allen auf ihrem neuen Album "It's not me, it's you" nicht viel, aber doch ein wenig reifer: Nach dem charmanten, aber doch recht einförmigen Pop ihres Debütalbums wagt sie mehr Abwechslung. "He wasn't there", ihr halbwegs ernsthaftes Stück über ihren Vater, gibt sie - nur von Klavier und Gitarre begleitet - in Honky Tonk-Manier zum Besten. Das chansonesque "Never gonna happen" mag gar als Brecht/Weill-Reminiszenz durchgehen.
Höhepunkt des Konzerts war jedoch die als Zugabe dargebotene Version ihres 2006er-Sommerhits "Smile": Den Reggae-Ohrwurm gaben Allen und Band zunächst originalgetreu, dann als elektrisierende Drum'n Bass-Version und schließlich in scheppernder Dub Reggae-Manier zum Besten. Hinterher schob sie die neue Single "The Fear", in der sie beißend ironisch mit der englischen Boulevardpresse ins Gericht geht. "Alles ist cool, solange ich abnehme", singt sie darin. Zum Glück ist das nicht wirklich nötig.
Mittwoch, 15. April 2009
The Notwist: Was macht Console?
The Notwist stehen im gleißend blauen Licht auf der Bühne des E-Werks, doch man könnte sie glatt übersehen, so unscheinbar wirken die fünf Oberbayern. Wäre da nicht dieser große schlaksige Typ am linken Bühnenrand: Auf schlackernden Knien wippt er rhythmisch vor sich hin, schüttelt seine wallende Lockenpracht und fuchtelt mit zwei Steuergeräten für eine Nintendo Wii herum. Was tut er da?
Eine Antwort auf diese Frage blieb Martin Gretschmann alias "Console" am Dienstagabend schuldig. Seine Band jedoch stellte klar, dass sie in einer Liga mit den Kollegen von Radiohead agiert. Ihren 2000 Fans im ausverkauften E-Werk bescherten die einstmaligen Provinzler eine Odyssee, die von Indie-Rock über Lärmorgien, Jazz, Electronica, House, Funk und Dub Reggae reichte. Nur einen roten Faden gab es: Den schüchtern säuselnden Gesang und die butterweichen Melodien Markus Achers, bei allem Beiwerk seit jeher das Erkennungsmerkmal der Band.
Keine großen Gesten, kein Pathos, wenig Worte. Stattdessen Hits wie "Good Lies" und "Pilot", zarte Popmelodien neben eklektischer Avantgarde. Und ein eindeutiges Fazit: Das war einer der größten Konzertabende des Jahres.
Dienstag, 7. April 2009
The Virgins: Donald Cumming will Spaß
Man könnte glauben, auf einer Motto-Party gelandet zu sein. Knallenge Jeans, Jennifer Grey-Gedächtnis-Dauerwellen, riesige Brillen, gepunktete Minnie Mouse-Kleidchen und hartnäckig gegeelte Schnittlauchlocken werden im Gebäude 9 zur Schau getragen. Doch dies ist keine dieser typischen 80er-Partys und die meisten der Anwesenden haben das Jahrzehnt auch bestenfalls in der Wiege erlebt. Dies ist das Konzert der zurzeit angesagtesten Newcomer aus New York: „The Virgins“ haben die Zeit um 1980 zwar auch nicht selbst miterlebt, wissen aber sehr gut, welche Musik gespielt wurde.
Donald Cumming stakst ungelenk und wie elektrisiert auf der Bühne herum, bewegt sich wie ein Roboter, joggt auf der Stelle und legt dann kess die Hände in die Hüften. Er trägt einen dunklen Overall mit Hemdkragen, unter dem ein weißes T-Shirt hervorlugt. Die Ärmel hat er hochgekrempelt, an seinem Handgelenk baumelt ein Goldkettchen. Er singt über „Teen Lover“ und teure Mädchen und seine exzentrische, nasale Stimme klingt wie eine Mischung aus David Byrne und Joey Ramone.
Dass „The Virgins“ nach „The Strokes“ das nächste große Ding aus New York sein sollen, hat sich in Köln noch nicht so ganz herumgesprochen. Gerade mal 250 Fans sind nach Deutz gekommen, um Cumming und Kollegen live zu sehen. Wer nicht selbst im stilechten Endsiebziger respektive Frühachtziger-Look aufläuft, sympathisiert zumindest mit dem Sound dieser Ära, mit Disco, New Wave, Funk und Post-Punk. Genau das haben „The Virgins“ zu bieten: Auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum vereinigen sie beinahe alle um 1980 populären Stilrichtungen, klingen dabei mal nach den Talking Heads, mal nach AC/DC, mal nach KC & The Sunshine Band.
Was auf Platte zuweilen ein wenig gekünstelt klingt, entfaltet im Gebäude 9 seine volle, partytaugliche Wirkung: Ihren Insider-Hits wie „Rich Girls“ und „Private Affair“ verpasst die Band live dermaßen viel Groove und Energie, dass die Luft brennt. Die drahtigen Funk-Riffs kommen messerscharf. Bass und Schlagzeug – auf dem Album mit Weichspüler-Sound – lassen funky und erdig das Mauerwerk des Gebäudes erbeben. Dazu Cumming als engagierter Vorturner, „catchy“ Refrains und zum Schluss eine dermaßen druckvolle Coverversion von INXS’s „Devil Inside“, dass die Australier vor Neid erblassen würden. Nach 45 Minuten ist leider schon alles vorbei, „The Virgins“ haben nun mal erst ein Album.
Was das Tourmanagement geritten hat, ausgerechnet das witzlose Saarbrückener Duo Pretty Lightning im Vorprogramm spielen zu lassen, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Deren ausdrucksloser „White Stripes“-Abklatsch jedenfalls war auf dieser 80er-Party völlig deplatziert.
Freitag, 3. April 2009
Niels Frevert: Du sollst nicht in der Kirche klatschen
Vielleicht lag es an den Gebetsbänken, auf denen die meisten seiner Fans Platz nehmen mussten, und die zu zeitweise andächtigem Schweigen verleiteten. Aber nach seinem Gastspiel in der Kulturkiche ist auch klar: Als "Superstar"-Aspirant würde Niels Frevert gnadenlos durchfallen. Zu bescheiden und ja, einfach normal trat der Sänger auf, um große Jubelstürme zu provozieren.
Zum Glück, will man ergänzen. Denn, auch das zeigte sich am Freitagabend: Freverts poetische Kleinode benötigen kein Show-Getöse und kein Animationsprogramm, um ihre Wirkung zu entfalten. Dass der Hamburger Sänger sie mit kompletter Band und Streichquartett auf die Bühne brachte, reichte völlig aus, um sein Publikum in der randvollen Kulturkirche wenigstens innerlich zu begeistern.
In Freverts Songlyrik schwingt Melancholie mit, die nie in Kitsch abgleitet. "Du kannst mich an der Ecke rauslassen", heißt sein jüngstes, drittes Soloalbum. Und so wie der Titelsong das Thema Trennung behandelt, verwendet Frevert auch in vielen anderen Stücken unorthodoxe Metaphern. Er singt von "Kakerlaken in deinen Cornflakes", von beschlagenen Brillengläsern und umspielt ganz unspektakulär jede sich aufdrängende Betroffenheit. Selbst die grandios (von Easy Listening-Legende Werner Becker) arrangierten Streicher kann er sich erlauben, ohne in Klischees zu verfallen.
Den alten "Nationalgalerie"-Superhit "Evelyn" verkniff sich Frevert in Köln. Stattdessen gab er eine leise Interpretation aus den "schlimmen Neunzigern" von Udo Lindenbergs "Ein Herz kann man nicht reparieren". So unspektakulär und bescheiden Frevert sich auf der Bühne gab, so groß und für sich standen seine Stücke. Und für die -- nicht für seine Show -- gab es letztlich dann auch die verdienten Jubelstürme.
Montag, 30. März 2009
Pink: Star in der Manege
Die Leute müssen sich furchtbar gelangweilt haben, damals, als bei Konzerten einfach nur Musik gespielt wurde. Auf diese Idee kann man durchaus kommen, wenn man die Popsängerin Pink da oben am Trapez hängen und kopfüber singen sieht. Dann setzt sie auch noch zum Bungee-Sprung in den Innenraum der Lanxess-Arena an. 16.000 Fans erstarren zu Salzsäulen.
Was für ein Spektakel: Mit einem Konzert im eigentlichen Sinne hatte das, was die 29-jährige Amerikanerin am Montagabend auf – oder besser: über – der Bühne der Lanxess-Arena tat, wenig zu tun. Im „Fun House“, so der Titel ihres gefeierten neuen Albums, ist alles erlaubt, was unterhält. Und so war der Name war auch in Köln Programm: Die Bühne war ein riesiger Zirkus voller Tänzer und Artisten, Gauklern und Statisten.
Es spricht wohl Bände, wenn Pinks „Konzert“ vielen der 16.000 in der ausverkauften Arena hauptsächlich wegen der atemberaubenden artistischen Einlagen am Trapez in Erinnerung bleiben wird. Das ist fast schon schade, denn was Pink alias Alecia Beth Moore und ihre Band musikalisch boten, wäre auch ohne all die Show-Effekte, die bis ins letzte Detail präzise Choreographie und die etlichen Garderoben der Sängerin den Eintrittspreis wert gewesen.
Pink ist nun mal keine von diesen „gemachten“, austauschbaren Popstars. Spätestens seit ihrem Hit-Album „M!ssundaztood“ aus dem Jahr 2002 ist klar: Die zierliche Blondine hat nicht nur ein herausragendes Soul-Timbre, sie hat auch etwas zu sagen. Ob sie wie in „Family Portrait“ auf bewegende Weise ihre zerrüttete Kindheit aufarbeitet oder sich in ihrem neuen Album intensiv mit der Scheidung von Ehemann Carey Hart auseinandersetzt: Diese Frau ist authentisch, sie ist ein Charakter, in ihrer Stimme klingt ein bewegtes Leben mit.
Und so waren es auch eher die ruhigen, intim anmutenden Momente im Show-Programm, die als musikalische Höhepunkte des Abends in Erinnerung blieben: Besagtes „Family Portrait“ etwa, die rührende Ballade „Crystal Ball“ und ganz zum Schluss die Piano-Nummer „Glitter in the Air“. Selbst wenn Pink auch bei diesen schlichten Stücken für die riesigen Videoleinwände neben der Bühne schauspielerte, entstand doch kurzzeitig so etwas wie Gänsehautstimmung.
Der Rest war Spektakel: Die rockigen Hits wie „Just like a pill“ und „So what“ wurden gebührend bejubelt, die atemberaubenden Show-Einlagen bestaunt. Dazu noch perfekte Interpretationen von Queens „Bohemian Rhapsody“ und Led Zeppelins „Babe I’m gonna leave you“, bei denen auch die reiferen Semester im Publikum auf ihre Kosten kamen.
Trotz oder vielleicht auch wegen der überbordenden Show mit all den Höhenflügen der Sängerin wollte im „Fun House“ Lanxess-Arena keine echte Party-Stimmung aufkommen. Selbst im Innenraum gab es kaum Bewegung und nur sporadische Tanzversuche. Stattdessen wurde geknipst, was die Akkus der Digitalkameras hergaben. Vielleicht gab es einfach viel zu viel zu sehen, um sich auf das Hören zu konzentrieren.
Dienstag, 17. Februar 2009
Bloc Party im Palladium oder: Arbeiten an Karneval
Kölsche Feierlaune trifft britisches Understatement. Während vor der Bühne der Teufel losist, lassen sich die vier Londoner von Bloc Party nicht aus der Ruhe bringen. Aus 4000 Kehlen wird gebrüllt und mitgesungen, während Sänger Kele Okereke die Höflichkeit in Person markiert: Mit geradezu klischeehaft britischem Tonfall sagt er brav "Guten Abend" und "Danke schön" und zum Schluss "Auf Wiedersehen".
In den gut anderthalb Stunden dazwischen leisten die Indie-Rocker ganze Arbeit: Es gibt wohl kaum eine zeitgenössische Rockband, die dermaßen präzise und konzentriert zu Werke geht und ihr Publikum dabei so restlos zu begeistern vermag. "Dance Punk" nennen das manche, aber das Etikett trifft nur ansatzweise, was die Briten da fabrizieren. Mit Punk im ursprünglichen Sinne hat das jedenfalls nichts zu tun.
An der für Bloc Party charakteristischen Grundlage aus treibenden, mitunter zwingenden Schlagzeug-Grooves und funky Bassläufen hätte wohl sogar James Brown seine Freude gehabt. Und ihren Gitarren entlocken Sänger Okereke und Russel Lissack alles, was heutzutage möglich ist: Von stilechten Punkriffs über New Wave-artige Flächen bis hin zu Pink Floyd'scher Psychedelik ist alles drin. Dass Okereke kein begnadeter Sänger ist und in den Höhen manchmal wie ein zeternder Bengel klingt, fällt bei der instrumentalen Kraft der Band nicht weiter ins Gewicht.
Von den frühen Indie Rock-Krachern "Banquet" und "Helicopter", mit denen Bloc Party 2005 den Durchbruch schafften bis hin zu den neuen Singles "Mercury" und "One month off" war im Palladium die Entwicklung der Band zu verfolgen: Mehr Achtziger wagen, mehr Joy Division und New Romantic, das scheint die jüngere Marschrichtung der Band zu sein. Und auch das kommt an bei den überwiegend jungen Fans.
Einziger Kritikpunkt an diesem Abend: Etwas mehr Leidenschaft und Spontaneität hätte den Musikern gut zu Gesicht gestanden. Angesichts ihres überwältigten Publikums wirkten Bloc Party doch recht abgebrüht. Den Fans schien es egal zu sein -- der Rausschmeißer "Time of my Life" aus "Dirty Dancing" sprach wohl nicht wenigen aus der Seele.
Freitag, 30. Januar 2009
The Rasmus: "Good clean fun" im Pornokino
Wer im stickigen, da mit 900 Leuten randvollen Gloria keinen Schweißgeruch riskieren will, ist vorbereitet: Während sich der stämmige Gitarrist Pauli Antero Rantasalmi von einem Ventilator die wallende Lockenpracht dauerkühlen lässt, wehen im Publikum die verschiedensten Düfte durcheinander. Einige gehen ganz auf Nummer sicher und bleiben lieber gleich am Saaleingang stehen - auch wenn dort der Zigarettenrauch aus dem Foyer bedrohlich nahe ist.
„Good clean fun" im ehemaligen Pornokino: Die Finnen um Sänger Lauri Ylönen – dessen wasserstoffblonde Frisur ebenfalls in Form bleibt – muten ihren treuen Fans an diesem Freitagabend nichts zu. Stattdessen kriegen sie das, wofür sie bezahlt haben: Einen eingängigen Dreiminüter nach dem anderen, ruhige Strophen und lautere, einprägsame Refrains, die denn auch alle fleißig mitgesungen werden. Natürlich gibt es all die Hits: Als Opener die neue, rockige Hitsingle „Livin' in a world without you", später das noch rockigere „First Day of My Life" und die obligatorische Ballade „Live Forever" und schließlich den Über-Hit „In the Shadows".
„Death Pop" nennt die bereits 1994 gegründete Band das, was sie insbesondere seit ihrem Hit-Album „Dead Letters" aus 2003 international erfolgreich verkauft. Ein etwas rätselhaftes Etikett für die unbedarfte Zitatensammlung, die es da zu hören gibt: Im Kern eine Mischung aus inflationär gebrauchten Schwedenmelodien a la Roxette, Achtziger-Soft-Rock, der an die Scorpions gemahnt und – versteht sich – modernem Alternative Rock-Sound mit dezenten Crossover-Anleihen. Dass Produzent Desmond Child beim neuen Album „Black Roses" mitmischte, ist durchaus schlüssig: Der Mann produzierte seinerzeit den Schmalzrock von Kiss („I was made for loving you") und jüngst Ricky Martin.
So ging denn im Gloria ein Konzert über die Bühne, bei dem es nichts neues, aber viel altes zu entdecken gab: The Rasmus spielten ihr 90-minütiges Programm in Album-Qualität herunter, übten sich dabei in Stehtanz und freuten sich - ganz bescheiden – über ihre jubelnden Fans, denen all das vollkommen reichte.
Samstag, 10. Januar 2009
Freitag, 19. Dezember 2008
In Extremo: Hosenträger aus dem Mittelalter
Palladium zu Köln, 17.12.08
"Damals wie heute zanken die Barden wie Walter und Neidhardt vor 800 Jahren": Mit Marktsackpfeifen, Harfe und Drehleier luden die Mittelalter-Rocker von In Extremo zum "Sängerkrieg" im Mülheimer Palladium. Rund 3000 Fans nahmen stimmgewaltig teil und ließen das düstere Zeitalter hoch leben - ein bisschen wenigstens.
Lederwams, handgemachte Kettenschürzen und Manschetten, bärtige Männer mit wallender Haarpracht: Bei In Extremo herrschte nicht nur auf der Bühne die Mode des Mittelalters, auch im Publikum folgten einige diesem Dresscode. Mehr oder weniger stilecht - aber so genau nahm es die Band auch nicht immer.
Mit Minnesang, mittelalterlichen Instrumenten und entsprechenden Liedtexten - die ältesten aus dem 8. Jahrhundert - haben sich die Berliner seit 1996 Kultstatus unter Mittelalter-Fans erspielt. Seit einiger Zeit verbindet die siebenköpfige Band die alte Tradition mit Elementen aus Rock und Metal - und zwar kommerziell höchst erfolgreich: So schoss ihr jüngstes, insgesamt neuntes Album "Saengerkrieg" dieses Jahr auf Platz eins der deutschen Charts.
Auch wenn sich die Gruppe textlich weitgehend treu geblieben ist - noch immer singt Das Letzte Einhorn alias Michael Robert Rhein vom "Spielmannsfluch", von Gauklern und Edelmännern, und das teilweise in uralten Sprachen - ging der große Erfolg von In Extremo anscheinend auf Kosten der Authentizität: Im Palladium erlebten die Fans ein beinahe waschechtes Rockkonzert, in dem die mittelalterlichen Instrumente, Kleidung und Show-Effekte eher Staffage waren.
Zwar sind die Marktsackpfeifen in beinahe jedem Stück präsent, und auch die anderen traditionellen Instrumente kommen zum Einsatz - der Sound von In Extremo wird jedoch dominiert von der klassischen Rockbandbesetzung: Das klingt oft wie Deutsch-Punk im Stil der Toten Hosen und zuweilen nach Metal mit Korn- und Rammstein-Anleihen. Statt mittelalterlicher Harmonik gab es meist eingängige Pop- und Rockmelodien.
Die Fans waren dennoch begeistert: Bei Hits wie "Mein rasend Herz" und "Frei zu sein" und "Liam" stimmten sie inbrünstig ein. Der Sängerkrieg endete also im Frieden.
Dienstag, 9. Dezember 2008
Peter Fox: Schunkelnde "Stadtaffen"
Peter Fox träumt von einem "Haus am See", in dem er mit 20 Kindern und seiner schönen Frau seinen Lebensabend einläuten will. Wenn der Berliner Sänger in jeder Stadt so gefeiert wird wie jetzt im Kölner Palladium, wird er seinen Traum wohl bald wahr machen können.
Zehn Jahre lang rollte Peter Fox alias Pierre Baigorry die europäische Reggae- und Dancehallszene mit seiner Band Seeed von hinten auf, setzte Trends und feierte Erfolge. Dann investierte der Berliner sein ganzes Erspartes in eine Solo-Produktion - und begeistert nun mit seinem Album "Stadtaffe" und den Hitsingles "Alles neu" und "Haus am See" den MTV-Nachwuchs, der vor zehn Jahren noch zur Grundschule ging. So sichert man sich wohl als Musiker seine Rente.
Im ausverkauften Palladium trafen denn auch die alten "Seeed"-Fans auf die blutjunge "1Live"-Generation, die Peter Fox jüngst ihre "Krone" verliehen hat. Und beide Gruppen konnten zufrieden sein: Fox lieferte eine temporeiche und tanzbare Show ab, die Fans von Dancehall, HipHop und Breakbeats gleichermaßen bediente. Mitreißend waren insbesondere die Trommeleinlagen der vier Amerikaner von "Cold Steel Drumline" Zwar reichte das Material von Fox' Soloalbum nur für eine knappe Stunde Programm plus Zugaben, aber die hatte akustisch und visuell einiges zu bieten.
Es ist, als hätte Fox nach zehn Jahren "Seeed" den Reset-Schalter gedrückt und könnte sein Glück nun selbst kaum fassen: Auf der Bühne wirkte der Rapper zeitweise so agil und naiv-begeistert, als sei er noch völlig neu im Musikbusiness und freue sich über 4000 neue Kölner Freunde. Diese positive Ausstrahlung machte denn auch so manche Schwächen seiner Show wett: Den schrillen Sound etwa, die im Vergleich zu Seeed einfacher gestrickten Melodien und das misslungene Experiment, die echten Streicher auf dem Album durch Synthies und Sampler zu ersetzen.
Stattdessen freute sich das Kölner Publikum über einen Berliner, der mit Textzeilen wie "Das Leben will einen ausgeben" (aus Seeeds "Aufstehen") glatt eine Art Fastelovends-Hymne in petto hatte -- und sich so direkt in die Herzen der schunkelnden "Stadtaffen" sang.

